Bundesliga / 30.06.2026

MT-Vorstand Mohr: Der Titel überstrahlt alles

Jubel mit der Familie: MT-Vorstand Andreas Mohr feiert mit Tochter Sophia und Ehefrau Natalia in der Hamburger Barclays-Arena den Gewinn der European League. (Foto: Käsler/MT)

Eine intensive Saison liegt hinter der MT Melsungen. Im Interview blickt Vorstandssprecher Andreas Mohr zurück – und ein bisschen nach vorn.

Lange Zeit hat es nicht so ausgesehen. Doch am Ende bejubelte die MT Melsungen die erfolgreichste Spielzeit der Klubgeschichte. Erstmals gewann der nordhessische Handball-Bundesligist einen Titel, und dann gleich einen internationalen in der EHF European League. Danach: Party, Feierlichkeiten und ein enormes öffentliches Interesse. 

Langsam ist Ruhe eingekehrt. Die Mannschaft von Trainer Roberto Garcia Parrondo befindet sich bereits in der Sommerpause, und auch MT-Vorstand Andreas Mohr wird sich in den Urlaub verabschieden. Der 51-Jährige spricht von einem herausfordernden Jahr – unter anderem musste er nach dem Aus von Michael Allendorf Teile von dessen Aufgaben als Sportvorstand mit übernehmen.

Andreas, wie sehr hast du den Urlaub nötig?

Ich will kein Mitleid, aber ein paar freie Tage kann ich sehr gut gebrauchen. Es ist ja nicht so, dass mit dem Ende der Saison 2025/26 die Arbeit erledigt ist und wir sechs Wochen die Füße hochlegen können. Die kommende Spielzeit muss vorbereitet werden: Ausstattung der Mannschaft, Dauerkarten-Verkauf, Sponsorengespräche und, und, und… Von daher wird mir ein bisschen Abstand sicher guttun. 

Anstrengende Saison?

Allerdings. Zumal wir uns ständig neuen Herausforderungen stellen mussten. Nehmen wir zum Beispiel die Verletzungsmisere, die uns im Grunde bis ins Schlussdrittel der Saison begleitet hat. Dann hat das Thema Michael Allendorf extrem Körner gekostet. Das zog sich von Oktober bis Ende Februar, bis mit der Vorstellung von Jesper Larsson dann auch Ruhe eingekehrt ist. Ich möchte betonen, dass in dieser Phase die Zusammenarbeit mit Roberto und insbesondere Finn sehr gut funktioniert hat. In Sachen Kaderplanung ist nie ein Vakuum entstanden.

Und sonst?

Das war ebenfalls im Februar, ausgerechnet, als ich um Urlaub war: Wie aus dem Nichts ploppte die Meldung auf, dass die MT an der Verpflichtung von Johannes Golla nicht mehr festhalten möchte. Der mediale Aufruhr war enorm. Unsere Sponsoren haben nachgefragt, unsere Fans natürlich auch. Darauf mussten wir angemessen reagieren – und das haben wir. Generell lässt sich festhalten: Wir haben die Herausforderungen gemeistert und stets konzentriert weitergearbeitet. Und mein Learning ist, dass du nicht reflexartig auf jeden Zug aufspringen musst, den die Medien auf die Reise geschickt haben. Etwas Ruhe und Gelassenheit sind in der Regel die besseren Ratgeber.

Was bleibt hängen nach diesem ereignisreichen Jahr?

Wir sind selbstkritisch genug, um zu sagen, dass die Bundesliga-Serie auch aufgrund der angesprochenen Verletzten nicht optimal gelaufen ist. Die Niederlage im Pokal-Viertelfinale beim BHC hat extrem wehgetan – wir wären gern wieder in Köln dabei gewesen. Und zur Wahrheit gehört auch, dass wir uns in der Hauptrunde der European League nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert haben. Dennoch: Ich weiß, dass es Floskeln sind, aber die Mannschaft hat die Rückschläge weggesteckt, hat Teamgeist bewiesen und Willen gezeigt. Das gipfelte im Neun-Tore-Sieg gegen Fredericia in unserer Halle.

Und zu guter Letzt der Triumph in Hamburg…

Keine Frage, der Titel überstrahlt alles. Mir fällt es immer noch schwer, dies alles in Worte zu fassen. Der Druck, der bei allen abgefallen ist nach dem Endspiel – wir reden vom vierten Final4 in zwei Jahren. Die überwältigenden Emotionen. Wie die Spieler mit ihren Familien und den Fans in der Barclays-Arena gefeiert haben. Danach die mediale Aufmerksamkeit. Ehren vonseiten der Politik. Die Feierlichkeiten. Der Empfang im Melsunger Rathaus und auf dem Marktplatz. Zweimal ins Goldene Buch eingetragen. Das Goldene Buch der Stadt Kassel wurde extra in die Rothenbach-Halle gebracht. Das war schon Wahnsinn.

Ist dir richtig bewusst, dass die MT in der kommenden Saison in der Champions League antritt?

Tatsächlich muss ich mich manchmal kneifen. Vor allem, weil wir vor den EHF Finals im Grunde mit leeren Händen dastanden. Es war ziemlich sicher, dass wir uns über die Liga nicht für einen internationalen Startplatz qualifizieren werden. Und dann wird es am Ende die Champions League. Ich möchte mich bei allen bedanken, die zu diesem grandiosen Erfolg beigetragen haben – und dazu gehören auch diejenigen, die nicht mehr bei der MT sind. 

Muss der Kader angesichts der Königsklasse noch ergänzt werden?

Die Frage kam zuletzt häufiger auf. Aber wie es unser neuer Sportvorstand Jesper Larsson mehrfach gesagt hat: Der Kader für die nächste Saison steht. Ich bin überzeugt, dass wir eine leistungsstarke Mannschaft haben. 

Fernab der sportlichen Aufgaben: Was ist im kommenden Jahr zu stemmen?

Die Organisation rund um die Champions League wird sicherlich eine Herausforderung. Unser wichtigstes Thema ist allerdings der Umzug in die Probonio-Arena zur Saison 2027/28. Wir haben noch ein Jahr, um alles vorzubereiten und umzusetzen. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir umfangreich über den Stand der Dinge informieren. Wir freuen uns sehr, in diese tolle Halle umzuziehen. Was die Verantwortlichen dort auf die Beine gestellt haben und auf die Beine stellen, ist aller Ehren wert. Und klar, es gibt hier und da noch offene Fragen. Ich bin aber sicher, dass die schnell gelöst werden. Für die Stadt Kassel, die gesamte Region, für den Sport und speziell für den Handball ist dieses Vorhaben enorm wichtig. (Robin Lipke)

Zur Person

Andreas Mohr (51) stammt aus Ludwigshafen. Nach dem Abitur hat er in Mannheim BWL studiert. Später machte er zudem sein Steuerberater-Examen. Er arbeitete unter anderem als Wirtschaftsprüfer bei PwC, er war fast 20 Jahre Geschäftsführer in der Personaldienstleistungsbranche und übernahm parallel ab 2020 die kaufmännische Leitung bei Fußball-Regionalligist Kickers Offenbach für zweieinhalb Jahre. Seit dem 15. Januar 2024 ist er Vorstand bei der MT Melsungen und dort für Finanzen und Administration zuständig. Mohr ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Seine Familie lebt in Erlensee im Main-Kinzig-Kreis. In seiner Freizeit kocht er leidenschaftlich gern. 

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