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Dener Jaanimaa: Als Kind kein Bock auf Handball

“Als Kind wollte ich überhaupt nicht Handball spielen. Mir haben damals andere Dinge viel mehr Spaß gemacht. Aber meine Eltern sind hartnäckig geblieben. Irgendwann habe ich dann nachgegeben”, gesteht Dener Jaanimaa im Interview.

Mit 28 Jahren ist er im besten Handballer-Alter, noch dazu in respektabler Form. Es wäre also schon mehr  als ungewöhnlich, wenn einer wie er keinen Nachfolgeclub finden würde. Dener Jaanimaa kam im September 2016 zur MT, mit Blick auf die bereits beginnende Saison also auf den letzten Drücker. Er bekam bei den Nordhessen einen Zweijahresvertrag. Würde der erfüllt, dachte er sich, wäre dies schon mal eine enorme Verbesserung zu den beiden zurückliegenden Stationen.

Nachdem ihn der HSV im Juli 2015 nach Hamburg gelotst hatte, vergingen kaum sechs Monate, da war das Kapitel Hansestadt auch schon beendet. Der HSV meldetet zum Jahresende Insolvenz an und verließ die Liga mitten in der Saison. Dennoch hat er aus dieser Zeit nach eigenem Bekunden eine Menge mitgenommen. “Vorher in Aue oder Eisenach war ich gesetzt. In Hamburg saß ich auf einmal auf der Tribüne und wusste: Ich muss kämpfen, um mich durchzusetzen. Da bin ich enorm gewachsen”, blickt der Blondschopf mit einem gewissen Stolz auf sich selbst zurück. Wie auch immer, die ungewollt kurze Episode Hamburg war mit der Insolvenz unwillkürlich zu Ende. Und was nun?

Wie es der glückliche Zufall wollte, herrschte just zu der Zeit etwas weiter nordöstlich verletzungsbedingte Personalnot und so kam der Este mit dem schnellen Armzug für den THW Kiel gerade recht. Als Linkshänder für den rechten Rückraum sowieso. Nun denn, schnell die Koffer gepackt und auf nach Kiel. An die Ostsee also, das Meer an deren gegenüberliegendem Gestade er geboren und aufgewachsen ist. Da fühlte er sich gleich an seine Heimat erinnert. 

Den seine Wiege stand in der estnischen Hauptstadt Tallin. Dort machte er die ersten Schritte im Handballsport. Höchst widerwillig übrigens, wie er bekennt: “Wir waren ein paar Jungs zehn, zwölf Jahren und hatten alles mögliche im Sinn, nur kein Handball. Unsere größte Leidenschaft war das Skateboardfahren. In Tallin gibt es viele schöne Stellen, wo das besonders viel Spaß macht. Vor allem, wenn der Sommer kommt, und die Menschen nach monatelangem Sch...wetter wieder nach draußen gehen, alle gute Laune haben und entspannt durch die Stadt schlendern. Wir haben den Schulranzen zuhause abgeliefert, sind gleich raus und kehrten erst am Abend wieder heim”. Die Shirts reichten ihnen bis zu den Knien und coole Rapmusik war ihr ständiger musikalischer Begleiter, erinnert sich Dener Jaanimaa gern an diese unbeschwerte Zeit. 

Nun hatte er aus seiner damaligen Sicht das Pech, nur wenige Hundert Meter von einer Sporthalle entfernt zu wohnen. Und seine Eltern wussten, dass dort ein Trainer mit strenger Hand den Kindern das Handballspielen beibrachte. Das gefiel ihnen und sie fanden, dass auch ihrem Sohn ein gewisses Maß an Disziplin und Ertüchtigung gut tun würde. Also beorderten sie den kleinen Dener zum dortigen Handballtraining. “Ich merkte schnell, dass das eigentlich nichts für mich war. Diese ständigen Anweisungen und die Kontrolle und alles muss zusammen funktionieren. Mir machte das Ganze überhaupt keinen Spaß. Aber meine Eltern, vor allem mein Vater, blieb hart. So lange, bis ich irgendwann weich wurde  mich seinem Willen beugte und regelmäßig zum Handballtraining ging”.

Dort fiel dann relativ schnell auf, dass Dener Jaanimaa einen ziemlich festen Wurf hatte. Er wurde entsprechend gefördert und zusehends stärker. Im Teenageralter reichte es dann sogar für die Junioren-Nationalmannschaft Estlands. Er kam durch die Teilnahme an internationalen Turnieren gut herum, was er ja dann eigentlich doch nicht mehr so schlecht fand.

Nach drei Stationen in seiner Heimatstadt, unter anderem bei den Chocolate Boys Tallin, dem Club eines reichen Süsswarenfabrikanten, zog es ihn 2009 erstmalig zu einem Verein im Ausland, zum schwedischen Erstligisten LIF Lindesberg. Weitere zwei Jahre später folgte dann der Wechsel nach Deutschland, zum damaligen Drittligisten EHV Aue. Nicht zuletzt dank seiner Wurfkraft schafften die Erzgebirgler den Aufstieg. Dennoch folgte er 2013 dem Ruf des ThSV Eisenach. Hier ging ein Traum in Erfüllung – nämlich endlich in der stärksten Liga der Welt zu spielen.

Und als sich dann, zwei Jahre später, der HSV meldete, konnte Dener Jaanimaa natürlich nicht nein sagen. Noch nicht ahnend, dass es in einem halben Jahr schon vorbei sein würde.

Doch schnell tat sich eine neue Verlockung auf: Katar wollte Dener haben. “Da ging es um richtig viel Geld. Aber ich hätte mich dort einfach nicht wohl gefühlt. Geld ist nichts das Wichtigste was mich im Handball antriebt. Und so lehnte ich das lukrative Angebot ab”.

Immerhin, der THW Kiel als Nachfolge-Arbeitgeber war ja keine schlechte Adresse. Im?Gegenteil: Als er sich im Januar 2016 das Zebra-Trikot überstreifte, durfte er sich im  handballerischen Olymp wähnen. Beim Weltklasse-Club  kam er wenige Monate später sogar in den Genuss in der Köln-Arena um Champions League-Ehren zu spielen. Beim THW verpasste ihm übrigens der damalige Torhüter Katsigiannis ob seiner gefährlich harten Würfe den Spitzname “Danger”.

Dass sich die Personalsituation bei den Kielern dann nach einigen Wochen änderte und durch die Rückkehr der Rekonvaleszenten ein Überangebot im rechten Rückraum bestand, bedeutete für den spät Hinzugekommen nichts Gutes. Seine Tage an der Ostsee waren fortan gezählt. Im Spätsommer 2016, die Vorbereitungsphase auf die neue Saison war längst beendet, einigten sich die Parteien auf eine vorzeitige Vertragsauflösung beim THW und auf den Wechsel zur MT Melsungen. Denn durch den Ausfall des gerade verpflichtet Gabor Langhans war auch bei den Nordhessen, wie ein Dreiviertel Jahr zuvor in Kiel, der Notstand auf Halbrechts ausgebrochen.

Bei den Rotweissen, ausgestattet mit einem Zweijahresvertrag, hoffte Dener Jaanimaa nach seiner im wahrsten Sinne wechselvollen jüngeren Vergangenheit, auf ein längeres Engagement. Dass er der strategischen Ausrichtung und Spielphilosophie des Clubs entgegensteht und demzufolge sein im Juni 2018 auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, ist für ihn nicht leicht zu verstehen – gerade jetzt, wo er in den Wochen seit der Verletzung von Michael Müller gezeigt hat, was in ihm steckt. Aber er nimmt das ganz als Profisportler natürlich: “So ist das Geschäft. Ich weiß noch nicht, wie es nach der MT weitergeht. Ich lasse das auf mich zukommen”.

Dener Jaanima geht davon aus, dass er noch wenigstens fünf bis sechs Jahre hochklassig Handball spielen kann, bevor er seine Schuhe an den Nagel hängt. Aber das liegt für ihn gedanklich noch ganz weit in der Zukunft. “Darüber will ich mir jetzt noch keinen Kopf zerbrechen”, sagt er.

Dennoch will er seine Zukunft nicht gänzlich dem Zufall überlassen. Vielleicht nimmt er ja sein vor Jahren begonnenes Studium International Relations irgendwann wieder auf. Oder es ergibt sich etwas beim Thema Immo- bilien, mit dem er sich gemeinsam mit einem Freund derzeit intensiver beschäftigt.

Ein weiteres  Faible, durchaus mit wirtschaftlichem Ansatz, hegt er für so genannte Kryptowährungen, also vereinfacht gesagt, für digitale Zahlungsmittel, wie etwa die derzeit populären Bitcoins.

Sportlich wird der wurfstarke Linkshänder also weiter auf der Suche nach einem längerwährenden Engagement bleiben. “Von dieser ständigen Wechselei habe ich die Schnauze voll”, platzt es ungefiltert aus ihm heraus. So will er sich in der verbleibenden Zeit bei der MT unbedingt weiter empfehlen. Gleiches gilt übrigens für seine Einsätze in der estnischen Nationalmannschaft, mit der er gern bei einem großen Turnier spielen würde. Klingt doch sehr ambitioniert für einen, dem Handball als Kind überhaupt keinen Spaß gemacht hat. – B.K.

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