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HNA-Doppelinterview zum Saisonabbruch

Nach dem Saisonabbruch vom Dienstag kann Handball-Bundesligist MT Melsungen seine Planung für die kommende Spielzeit intensivieren. Die HNA hat dazu mit MT-Manager Axel Geerken und Chefcoach Gudmundur Gudmundsson gesprochen – telefonisch und getrennt voneinander (Archivfoto A. Käsler).

Wie groß ist die Sehnsucht nach Handball?
Axel Geerken: Den Sport, die Spiele – das alles vermisse ich sehr. Ich hatte zwar auch zuletzt ständig mit Handball zu tun, aber das Hauptthema war der sich immer mehr anbahnende Abbruch dieser Spielzeit.
Gudmundur Gudmundsson: Natürlich bin ich traurig darüber, dass die Saison abgebrochen wurde. Ich habe mich trotz der kurzen Zeit in Melsungen schon sehr wohl gefühlt, und ich habe gespürt, dass wir auf einem guten Weg sind. Zumindest gibt es durch diese Entscheidung nun keine Diskussionen mehr.

Jetzt ist klar, dass es bis zum nächsten Bundesliga-Spiel noch eine ganze Zeit dauern wird. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die kommenden Wochen und Monate?
Axel Geerken:
Ich blicke positiv nach vorn. Mit dem Abbruch haben wir jetzt die Möglichkeit, die Saison vernünftig und seriös abzuwickeln. Zugleich werden wir viel tun müssen, um unsere Partner und Fans mitzunehmen. Da ist sehr viel Kreativität gefragt.

Können Sie schon abschätzen, wie groß die wirtschaftlichen Verluste für die MT sein werden?
Axel Geerken: Die Zeit bis zum 30. Juni werden wir gut meistern können. Wie es im Detail aussieht, kann man jedoch noch nicht sagen. Eines ist klar: Unsere wirtschaftliche Lage ist angespannt. Wir wissen nicht, wie hoch unser Etat sein wird. Mit dem Etat, den wir vor der Corona-Krise angegeben haben, können wir jetzt nicht mehr planen. Die ganze Sache braucht nun auch etwas Zeit.

Welche Signale erhalten Sie von den Sponsoren?
Axel Geerken: Viel positive. Ich habe schon lange vor dem Abbruch mit unseren Partnern Kontakt aufgenommen und ihnen gesagt, dass es mit einer Fortführung der Saison schwer werden würde. Kein Sponsor hat seitdem gesagt, dass er sein Engagement beenden möchte. Wir haben insgesamt viel Unterstützung von unseren Partnern und Dienstleistern erfahren. Das gilt für die Messe Kassel, die auf einen Teil der Hallenmiete für die Rothenbach-Halle verzichtete, genauso wie für Pressesprecher Bernd Kaiser.

Inwieweit hilft es, mit dem Melsunger Pharmakonzern B.Braun einen langjährigen Hauptsponsor im Hintergrund zu haben?
Axel Geerken: B.Braun ist seit vielen Jahren ein zuverlässiger Partner. Ich möchte aber hinzufügen: Wir haben es jetzt nicht einfacher als andere. Für alle Beteiligten ist die aktuelle Situation eine große Herausforderung.

Wie gehen Sie die Planung für die nächste Serie an?
Gudmundur Gudmundsson: Wir statten unsere Spieler nun mit Trainingsplänen für die Zeit bis zum Juli aus – bis zum voraussichtlichen Beginn der Vorbereitung. Ob wir dann ein Trainingslager absolvieren oder ausschließlich in Melsungen trainieren werden, ist noch nicht sicher. Das halten wir uns offen. Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass die nächste Saison im September losgehen wird.
Axel Geerken: Das kann ich so bestätigen. Wir werden uns mit der Handball-Bundesliga allerdings auch mit anderen Szenarien beschäftigen müssen. Wichtig wird auf jeden Fall sein, dass die Spieler einen vernünftigen Wiedereinstieg bekommen. Ich denke, dass die Spieler nach der langen Pause die körperlichen Voraussetzungen erfüllen werden. Aber in Sachen Timing, Ballgefühl und Abstimmung wird es einige Zeit brauchen, bis die Spieler wieder ihr normales Niveau erreichen können.

Inwieweit beschäftigen Sie sich noch mit dem Gedanken, einen Spieler für die kommende Saison zu verpflichten?
Gudmundur Gudmundsson: Das ist aktuell kein Thema bei uns.

Wie sieht zurzeit Ihre Kommunikation mit den MT-Profis aus?
Gudmundur Gudmundsson: Ich tausche mich mit der Mannschaft über Whatsapp aus. In diesen Tagen werde ich auch per Video zu den Spielern sprechen. Ich schaue mir weiterhin frühere Spiele des Teams an und habe schon einige Ideen für unser Spiel.

Welche Rolle spielen jetzt schon die zukünftigen Melsunger Akteure Silvio Heinevetter, Timo Kastening und Arnar Freyr Arnarsson?
Gudmundur Gudmundsson: Noch stehen sie bei anderen Klubs unter Vertrag. Deswegen muss man da erst mal abwarten. Da Arnar Freyr auch einer meiner Spieler in der isländischen Nationalmannschaft ist und er genauso wie ich in Island weilt, habe ich mit ihm schon über die MT gesprochen.

Herr Geerken, wie oft machen Sie sich Gedanken über mögliche Geisterspiele?
Axel Geerken: Ein ständiges Thema. Wir müssen uns aus meiner Sicht aber damit beschäftigen, wie wir vielleicht ohne Geisterspiele auskommen können. Denn je länger die Phase dauert, in der Zuschauer nicht erlaubt sind, desto größer ist die Gefahr, dass einige Klubs in ihrer Existenz bedroht sind. Bevor wir Geisterspiele austragen, ist es mir lieber, dass wir ein paar Tage später anfangen.

Inwiefern haben die vergangenen Wochen den Umgang der Klubs miteinander verändert?
Axel Geerken: Wir hatten einen sehr offenen Austausch. Es gab zwar auch die regelmäßigen Telefonkonferenzen der HBL, es haben sich immer wieder aber auch Grüppchen herausgebildet, die von einem großen Wissenstransfer gekennzeichnet waren. Neulich meldete sich beispielsweise mein Wetzlarer Kollege Björn Seipp bei mir und gab mir einen Tipp, wie die Rückerstattung für gekaufte Karten ablaufen könnte. Ich bin mir nicht sicher, ob es den Rat vor Corona so gegeben hätte. Es wäre toll, wenn wir diese intensiven Kontakte in der Bundesliga auch über die Krise hinaus beibehalten würden. (B. Mahr, HNA, 23.04.20)

Zu den Personen

Axel Geerken (47) arbeitet seit 2012 als Manager beim Hand-ball-Bundesligisten MT Melsungen. Zuvor war er Geschäftsführer beim VfL Gummmersbach und bei der HSG Wetzlar. Als Profi stand der gebürtige Oldenburger bei Wetzlar, Kiel und Großwallstadt zwischen den Pfosten. Geerken ist verheiratet und Vater einer Tochter und eines Sohnes

Gudmundur Gudmundsson (59) ist seit Ende Februar verantwortlicher Coach der MT. Der Isländer ist zudem Trainer der Nationalmannschaft seines Heimatlandes. Mit dem Team Dänemarks wurde er 2016 Olympiasieger. In Deutschland trainierte Gudmundsson bereits Bayer Dormagen und die Rhein-Neckar Löwen. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. 

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