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Verletzter Julius Kühn von Anteilnahme und Zuspruch überwältigt

Julius Kühn, Handball-Profi bei der MT Melsungen und dort genauso wie in der Nationalmannschaft eine der tragenden Säulen, zog sich – wie bereits berichtet – am Sonntag beim Länderspiel im Kosovo einen Kreuzbandriss zu. Damit fällt der Top-Torschütze mindestens sechs Monate lang aus. Nächste Woche steht die unumgängliche Operation an. Der 25-jährige hat den Schock seiner Verletzung immer noch nicht ganz verarbeitet, wie er im Interview verrät.

Julius Kühn, 25 Jahre alt, Europameister, Bronzemedaillengewinner bei Olympia 2016, 50 Länderspiele, rund 200 Bundesligaeinsätze, fast 1000 Tore in der stärksten Liga: der Top-Shooter gehört im linken Rückraum, also auf der so genannten Königsposition, weltweit zu den Besten, die diese  Sportart zu bieten hat. In gut zwei Monaten sollte er eigentlich der deutschen Auswahl bei der Heim-WM endlich wieder zu einem Höhenflug auf dem Weltparkett verhelfen. Es wäre seine zweite WM-Teilnahme. Daraus wird nun nichts. Der wurfgewaltige Zweimetermann zog sich am Sonntag im Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft im Kosovo einen Kreuzbandriss zu und wird so zu einer mindestens sechsmonatigen Sportpause gezwungen. Derzeit kann er sich nicht einmal vorstellen, seine Nationalmannschaftskameraden bei der WM als Rekonvaleszent von der Tribüne aus zu unterstützen. Keine Frage, diese Verletzung hat den ansonsten vor Kraft strotzende Modellathleten bis ins Mark getroffen.  

Seit der MRT-Untersuchung Anfang der Woche, hast Du Gewissheit über die Verletzung. Wie geht es Dir jetzt, Julius?
J. Kühn: Der Schock sitzt mir nach wie vor in den Knochen, ich habe das alles noch nicht richtig verarbeitet, bin immer noch sprachlos. Inzwischen ist aber wenigstens klar, wie es in den nächsten Tagen weitergeht, der Operationstermin steht fest.

Bevor wir dazu kommen, schildere doch bitte zunächst die Situation beim Spiel im Kosovo rund um Verletzung.
J. Kühn:
Es waren erst wenige Minuten in der zweiten Halbzeit gespielt, ich machte aus einer Zweikampfsituation heraus einen Sprungwurf. Beim Kontakt mit dem gegnerischen Abwehrspieler stürzten wir beide und dabei verdrehte ich mir das Knie. Schon beim Auftreffen auf den Boden habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Kurios aber war, dass ich kaum Schmerzen hatte. Und deshalb wollte ich eigentlich auch weiterspielen. Doch unsere Mediziner holten mich vom Feld und gaben mir relativ schnell eine Art Vorwarnung mit auf den Weg – verbunden mit dem Wunsch, sich geirrt zu haben. Die MRT-Untersuchung am Montag bei MT-Mannschaftsarzt Dr. Rauch in Kassel brachte dann aber leider die traurige Gewissheit, dass es sich um einen Kreuzbandriss handelt und eine Operation unumgänglich ist. Mit diesem Ergebnis habe ich nach der von mir zuerst als harmlos eingestuften Situation nie und nimmer gerechnet. Der Schock war für mich umso größer.

Nachdem wir am Montag berichtet haben, dass die OP bereits am Folgetag in Kassel stattfinden soll, kam aber nochmal Bewegung in die Angelegenheit. Nun begibst Du dich nächste Woche nach Straubing.  
J. Kühn:
Ja, das stimmt. Ich habe Anfang der Woche mit vielen Spielern gesprochen, mit aktuellen und ehemaligen Mannschaftskameraden aus der Bundesliga und der Nationalmannschaft, die auch schon diese Verletzung hatten und sehr gute Erfahrungen mit Dr. Eichhorn, selbst ehemaliger Bundesliga-Handballer, gemacht haben. Er genießt vor allem unter Spitzensportlern unterschiedlichster Disziplinen einen hervorragenden Ruf und gilt als ein weit über Deutschland hinaus anerkannter Spezialist. Meine persönliche Entscheidung hat übrigens auch unser MT-Arzt Dr. Rauch, ebenfalls ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, nachvollziehen können. Am Montag habe ich nun ein Beratungsgespräch in Regensburg und am Dienstag erfolgt in Straubing die Operation.

Wie geht es dann weiter?
J. Kühn:
Je nach Verlauf der Operation entscheidet der Arzt, wann mit ersten Übungen begonnen werden kann. Die entsprechenden Reha-Maßnahmen absolviere ich dann am Standort meines Vereins. Die MT, Axel Geerken und Heiko Grimm, haben mir gegenüber übrigens deutlich gemacht, dass sie mir alle Zeit einräumen, die notwendig ist, um wieder fit zu werden. Es tut sehr gut, zu wissen, dass einen der Verein nicht unter Druck setzt. Den macht man sich selber schließlich schon genug.

Am 10 Januar wird in Berlin das Eröffnungsspiel der 26. Handballweltmeisterschaft angepfiffen. Dann werden in der wohl ausverkauften Mercedes-Benz Arena 13.000 Fans die deutsche Mannschaft nach vorne peitschen. Wird Julius Kühn wenigstens auf der Tribüne mitfiebern und anfeuern?
J. Kühn:
Das ist für mich jetzt ganz weit weg gerückt. Stand Heute würde ich sagen: Nein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich es übers Herz bringe, nur als Zaungast dabei zu sein. Derzeit habe ich einfach andere Dinge im Kopf. Wie das in zwei Monaten aussieht, vermag ich in diesem Moment nicht zu sagen.

Du weißt sicher auch selbst um Deine Qualitäten als Spieler. Wie schätzt Du die Effekte ein, die sich in der DHB-Auswahl und im MT-Team durch Deinen Ausfall ergeben?
J. Kühn:
Als ich den Bundetrainer über das Ergebnis meiner MRT-Untersuchung informiert habe, zeigte er sich sehr bestürzt. Gleiches gilt für meinen Vereinstrainer Heiko Grimm. Aber es gibt in beiden Mannschaften Spieler, die auch sehr gut diese Position ausfüllen können. Bei der MT ist es derzeit leider unglücklich, dass mit Michael Müller auch noch der etatmäßige Halbrechte ausfällt. Aber Fakt ist, beide Mannschaften haben weiterhin genügend Qualität, um den Ausfall kompensieren zu können. Es sollte ja schließlich nie alles von einem Einzelnen abhängen.

Deine Verletzung hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Wie empfindest Du diese mediale Beachtung?
J. Kühn:
Mir ist es viel wichtiger, wie mir die begegnen, die ich kenne und mit denen ich zu tun habe. Ich habe in den letzten Tagen sehr viele Anrufe und Nachrichten von?Menschen erhalten, denen meine Verletzung leid tut und die mir Zuspruch geben. Das ist absolut überwältigend. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich freue mich sehr über diese Wertschätzung und bedanke mich herzlich dafür. Gleichzeitig bitte ich um Verständnis, dass ich mir in den nächsten Tagen viel Ruhe wünsche und deshalb nicht unbedingt erreichbar sein werde.

Vielen Dank für das Gespräch, Julius – wir wünschen Dir eine erfolgreiche Operation und gute Genesung!
(Archivfoto: A. Käsler)

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