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Dezimierte MT wächst gegen Göppingen über sich hinaus

Enge Spiele gab es schon mehrere in der Kasseler Rothenbach-Halle, seit die MT Melsungen dort ihre Heimspiele austrägt. Aber kaum eine Partie setzte bisher so viele Emotionen frei wie der 28:26 (14:13)-Sieg gegen Frisch-Auf! Göppingen am Mittwochabend. Bevor der fest stand, lieferten sich beide Mannschaften einen packenden Kampf. Mit der MT setzte sich schließlich glücklich, aber dennoch aufgrund der ungleichen Voraussetzungen verdient, der vermeintliche Außenseiter durch.

Für die Melsunger deutete eigentlich vor dem Anwurf nichts auf einen späteren Erfolg gegen den Tabellenvierten hin. Mit Savas Karipidis als Langzeitausfall, und dazu Vladica Stojanovic, Alexandros Vasilakis und Nenad Vuckovic verletzt, fehlten den Bartenwetzern gleich vier Stammkräfte aus der Startformation, darunter die komplette erste Besetzung des Rückraumes. Trainer Ryan Zinglersen blieb also nicht viel Spielraum für seine Aufstellung. Grigorios Sanikis übernahm die Spielmacherrolle, Franck Junillon (links) und Jens Schöngarth (rechts) besetzten die Halbpositionen. Alternativen? Keine. Die Gäste dagegen reisten erstmals mit einem kompletten Kader zu einem Auswärtsspiel, verzichteten allerdings auf einen Einsatz von Drasko Mrvaljevic.

Die ersten beiden Wurfversuche landeten gleich im Kasten. Jens Schöngarth für die MT sowie Lars Kaufmann für Frisch-Auf! trafen, noch bevor die erste Spielminute um war. Ein Tempo, das im weiteren Verlauf nicht gehalten werden konnte. Im Gegenteil. Schon früh zeigte sich, dass an diesem Abend die Defensivabteilungen über den Ausgang entscheiden sollten. Und da hatte zunächst niemand einen Vorteil. Nach fünf Minuten hatte Franck Junillon gerade zum 3:3 ausgeglichen, als die erste von insgesamt 16 Zeitstrafen an diesem Abend ausgesprochen wurde. Es traf Dalibor Anusic, der sich gleich zu Beginn Respekt bei Lars Kaufmann und Manuel Späth verschafft hatte. Doch Göppingen konnte die Überzahl nicht nutzen. Stattdessen verwertete Ivan Brovka den Tempogegenstoß nach einer Parade von Mario Kelentric gegen Michael Thiede zur erneuten Melsunger Führung.

Zwölf Minuten waren absolviert, als es wieder kritisch wurde für die Hausherren. Doppelte Unterzahl nach Strafen von Jens Schöngarth und Ivan Brovka beim Stand von 6:4. Wieder warfen sich die Rot-Weißen entschlossen dazwischen, zeigte Mario Kelentric sein ganzes Können. Und tatsächlich überstanden es die Melsunger erneut ohne Gegentreffer. Mehr noch. Als Michael Haaß im letzten Moment Thomas Klitgaard regelwidrig am Wurf hindert, musste auch der Göppinger auf die Bank. Und in nun einfacher Unterzahl traf Grigorios Sanikis zuerst zum 7:4, und legte, gerade als Haaß wieder zurückkam, gleich noch das 8:4 hinterher. Das war zu viel für Gästetrainer Velimir Petkovic, der nach einer Viertelstunde die grüne Karte zur Auszeit legte.

Die Verschnaufpause half den Schwaben zunächst nicht. Kaum war der Ball wieder im Spiel, rollten die nächsten MT-Angriffe auf das von Enid Tahirovic gehütete Tor. Immer wieder wurde Thomas Klitgaard am Kreis gesucht, und immer wieder war der Däne nur durch Fouls zu stoppen. Was Michael Haaß zum Verhängnis wurde. Der musste nämlich nach nur 17 Minuten schon zum zweiten Mal auf die Strafbank. Zwar hatte er Melsungens Kreisläufer am erfolgreichen Wurf hindern können, doch Mikkel Holm Aagaard verwandelte den fälligen Siebenmeter sicher. Genau wie 90 Sekunden später, als der Rechtsaußen zum 10:5 einnetzte.

Dann, nach knapp 22 Spielminuten, wachte Göppingen endlich auf. Manuel Späth beendete eine sechsminütige Torflaute mit dem 10:6, dem Michael Haaß per Siebenmeter den siebten Treffer folgen ließ. Petkovic hatte umgestellt, hatte kurzzeitig Michael Schweikardt auf die Mittelposition beordert, der in der Abwehr den vorgezogenen Part in einer 5:1-Formation übernahm. Eine Maßnahme, die nur bedingt fruchtete. Denn MT-Coach Ryan Zinglersen reagierte sofort, brachte nach einer Auszeit Felix Danner als zweiten Kreisläufer. Und hatte damit prompt ein wirksames Gegenmittel gefunden. Klitgaard und Danner sperrten in perfekter Co-Produktion die Gasse frei, in die Franck Junillon unwiderstehlich hineinstieß und das 12:8 markierte. Frisch-Auf! kam einfach nicht näher als bis auf drei Treffer heran. Zu gut und vor allem kompromisslos stand die Melsunger Abwehrwand, glänzend organisiert vom starken Ex-Göppinger Dalibor Anusic.

Kurz vor der Pause machten sich dann aber doch erste Konzentrationsmängel bemerkbar. Tim Kneule, der schon früh den anfangs indisponierten Dragos Oprea auf Linksaußen abgelöst hatte, überwand Mario Kelentric mit einem frechen Heber. Kurz darauf die nächste Unachtsamkeit in der Hintermannschaft. Lars Kaufmann steigt völlig unbedrängt hoch und jagt das Leder aus neun Metern unhaltbar in die Maschen. Da nur noch weniger Sekunden zu spielen waren im ersten Durchgang kam leichte Hektik auf bei der MT. Anusic griff etwas zu beherzt zu und kassierte prompt seine zweite Strafe. Wieder war es Kaufmann mit Brachialgewalt, der zwei Sekunden vor dem Pausenpfiff mit dem Anschlusstreffer zum 14:13 die zuvor hervorragende Ausgangsposition der Gastgeber zunichte machte.

Nach dem Wechsel ging es im gleichen Stil weiter wie zu Beginn der Partie. Aufopferungsvoll kämpfende Melsunger stemmten sich mit Leidenschaft gegen Göppinger Angriffsversuche, die allzu oft nur halbherzig abgeschlossen wurden. Wobei es natürlich sowohl die nach wie vor glänzende Abwehrarbeit der Nordhessen und ein hervorragend aufgelegter Mario Kelentric im Tor den Gästen nicht leicht machten. Trotz der noch aus dem ersten Durchgang resultierenden Unterzahl schafften sie es erneut, sich schadlos zu halten. Fünf Bartenwetzer zwangen sechs Schwaben ins passive Spiel. Lars Kaufmann übernahm zweimal die Verantwortung, scheiterte aber erst am Pfosten, dann am blitzschnell reagierenden Kelentric. Kaum war auch diese Unterzahl schadlos überstanden, erhielt Thomas Klitgaard ein traumhaftes Anspiel von Franck Junillon an den Kreis und erhöhte wieder auf 15:13. Das war zu viel für Michael Haaß, der nach einer Schiedsrichterentscheidung meckerte und dafür prompt seine dritte Zeitstrafe kassierte, gleichbedeutend mit der Disqualifikation.

Die Partie blieb eng und auch hitzig auf dem Feld. Beide Teams schenkten sich nichts. Die besseren Karten hielt aber meist das Rumpfteam der MT in der Hand. Vor allem Grigorios Sanikis zog das Spiel ein ums andere Mal an sich und setzte seine Nebenleute mustergültig ein. Oder übernahm selbst Initiative und Verantwortung. Wie beim 18:15, als er den Ball fulminant unter die Latte jagte und Tahirovic nicht die geringste Abwehrchance ließ. Lars Kaufmann hatte nur kurz zuvor ebenfalls einen Gewaltwurf abgefeuert, der aber weit neben dem Tor landete. Was deutlich machte, dass die Gäste doch langsam Nerven zeigten. So hart hatten sie sich die Gegenwehr des Melsunger Rumpfteams doch nicht vorgestellt.

Trotzdem kam Grün-Weiß noch einmal ins Spiel zurück. Eigentlich mehr noch, denn die Einwechslung von Dimitrios Tzimourtos für Mikkel Holm Aagaard erwies sich als keine so gute Idee. Zwar hatte der Grieche im Vorwärtsgang einige gute Szenen, bekam aber in der Defensive Dragos Oprea nicht unter Kontrolle. Was sofort Folgen haben sollte. Denn die aufkommende Unruhe in der MT-Hintermannschaft nutzten die Gäste, um innerhalb von vier Minuten ihrerseits mit 19:18 in Führung zu gehen. Die Partie drohte zu kippen, als Oprea per Tempogegenstoß in Unterzahl die erste Göppinger Führung seit langer Zeit erzielte.

Melsungens Glück war in dieser Phase die Undiszipliniertheit der Grün-Weißen. Kjell Landsberg saß bereits auf der Strafbank, Rares Jurca folgte ihm nach einem völlig überflüssigen Foul. In doppelter Überzahl scheiterte zwar Jens Schöngarth zunächst an Tahirovic, doch einmal mehr Grigorios Sanikis ergriff die Initiative und glich wieder aus. Thomas Klitgaard legte nach und auch Franck Junillon traf ins Netz. Die MT hatte erfolgreich gekontert und das Spiel wieder unter Kontrolle gebracht. Was scheinbar zu viel war für die Nerven vor allem von Lars Kaufmann. Als Grigorios Sanikis einen von Mario Kelentric parierten Ball aufnahm und geradewegs auf Tahirovic losstürmte, riss ihn der nachspurtende Göppinger im letzten Moment, schon in der Ausholbewegung zum Wurf befindlich, am Wurfarm nach unten. Glück für den Nationalspieler, dass die Schiedsrichter in dieser Situation Gnade vor Recht ergehen ließen und ihn nur für zwei Minuten auf die Bank schickten. Den eigentlich fälligen Siebenmeter gaben sie zwar nicht, doch Sanikis revanchierte sich für die unfaire Aktion auf seine Weise: er jagte Tahirovic das Leder nach Wiederaufnahme der Partie durch die Beine ins Netz. 22:19, die MT war wieder obenauf.

Es hätte aber nicht zum Spiel gepasst, wenn sich Frisch-Auf! jetzt aufgegeben hätte. Es blieb ein packendes Kampfspiel, das seinen Reiz weniger aus schönen Spielzügen bezog. Dafür fesselte die Einstellung der Spieler auf dem Parkett die knapp 2.000 Zuschauer. Melsunger wie Göppinger, die mit einem für ein Mittwochspiel beachtlichen Anhang angereist waren, machten die Halle zum Hexenkessel. Die Protagonisten auf dem Parkett zogen mit. Frisch-Auf! kämpfte sich einmal mehr heran und hatte mehrfach die Chance zum Ausgleich. So beim Stand von 23:22. Michael Schweikardt hatte gerade einen Strafwurf verwandelt, die MT den Ball anschließend vertändelt. Doch wieder war es Lars Kaufmann, der seine Nerven nicht im Zaum hatte. Einen einfachen Pass aus drei Metern Entfernung ließ er fallen, wofür sich Franck Junillon prompt mit dem 24:22 bedankte.

Und es sollte nicht der letzte Fehler des National-Halbrechten sein. Er wurde in den Schlussminuten sogar zur tragischen Figur. Zwei unvorbereitete Würfe nahm er sich und setzte sie meterweit über den Kasten, und noch einmal brachte er unbedrängt einen Kurzpass nicht unter Kontrolle. Die MT-Spieler, nach fast einer Stunde ohne große Wechselmöglichkeiten längst am Ende ihrer Kräfte, behielten die Konzentration und nutzten die Chancen, die sich ihnen boten. Als Aagard einen Siebenmeter nervenstark in den Winkel setzte und Grigorios Sanikis nach einem der angesprochenen Kaufmann-Aussetzer das 28:25 erzielte war das Spiel 75 Sekunden vor dem Abpfiff entschieden. Mehr als eine letzte Resultatsverbesserung durch Michael Schweikardt ließ die an diesem Abend vorbildlich agierende Deckungsreihe der MT Melsungen mit einem Mario Kelentric in großer Form dahinter nämlich nicht mehr zu.

Stimmen zum Spiel

Velimir Petkovic: Glückwunsch an Melsungen. Ich glaube man muss sagen, dass sie verdient gewonnen haben. Wir haben ganz schlecht gespielt, und wir haben auch zwei ganz schlechte Schiedsrichter gehabt. Und man kann nicht zwei so schlechte Leistungen kompensieren. Wir haben gekämpft und versucht, das Spiel in der zweiten Halbzeit noch umzudrehen. Zum 18:19 sind wir erstmals wieder in Führung gegangen und haben dann zwei unerklärliche Sachen gegen uns gepfiffen bekommen. Auch die rote Karte für Haaß kann ich nicht nachvollziehen. Das ist für uns ein ganz großer Verlust gewesen. Auch beim angezeigten passiven Spiel sind wir benachteiligt worden. Aber trotzdem muss man sagen, dass Melsungen verdient gewonnen hat.

Ryan Zinglersen: Ich bin unglaublich froh über diesen Sieg und stolz auf die Mannschaft. Sie hat heute Abend eine sehr gute kämpferische Einstellung gezeigt. Wir haben genau die gleiche Anzahl Strafen bekommen wie Göppingen, da kann ich also nichts zu sagen. Wir haben aber das ganze Spiel durch unglaublich gekämpft, haben nur mit drei Akteuren im Rückraum gespielt. Franck Junillon, Grigorios Sanikis und Jens Schöngarth haben das ganz diszipliniert gemacht. Auch die Abwehr war hervorragend und hat insgesamt 37 Göppinger Angriffe gestoppt. Mit einer Quote über 30-32 gestoppten Angriffen gewinnt man meistens das Spiel. Vielleicht haben wir auch etwas Glück gehabt, aber auch dieses Glück mussten wir uns erst erkämpfen.

Statistik

MT Melsungen: Kelentric (15 P.), Lechte (bei einem 7m); Brovka 1, Schöngarth 2, Junillon 6, Klitgaard 4, Anusic, Tellander, Tzimourtos 1, Treutler (n.e.), Danner, Sanikis 7, Aagaard 7/4

Frisch-Auf! Göppingen: Tahirovic (9 P.), Weiner (4 P.); Schweikardt 5/2, Kneule 2, Oprea 3, Thiede 2, Schöne, Späth 3, Kaufmann 7, Landsberg, Haaß 2/1, Häfner 2, Jurca, Gutbrod

SR: Lars Schaller (Leipzig) / Sebastian Wutzler (Frankenberg)

Zeitstrafen: 16 - 16 (Anusic 05:04 29:47, Schöngarth11:40 21:42, Brovka 12:00, Danner 26:15, Klitgaard 48:22, Kelentric 59:34 - Haaß 12:46 16:47 32:25, Kaufmann 24:31 46:06, Landsberg 42:22, Jurca 42:58, Schweikardt 59:34)

Disqualifikation: Michael Haaß (32:25 nach dritter Zeitstrafe)

Strafwürfe: 5/4 - 3/3 (Aagaard scheitert an Weiner, 35:58 Min.)

Zuschauer: 1.963 in der Rothenbach-Halle, Kassel

© MT Melsungen